Männer-WG

Die Recherche zu einem Polit-Thriller und ein Fehler bei der Zimmervermittlung brachten mich in eine Belfaster WG in einem renovierungsbedürftigen Haus in einem übel beleumundeten Viertel, zusammen mit vier Testosteron sprühenden Jungmännern.

Das Ergebnis war eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs – und dieser Blog.

Live from Broadway – Basics (Sept 2011)



Die anderen Vier sind Studenten am St. Mary College und jung genug, um zumindest technisch meine Söhne zu sein.

Wir teilen uns ein Haus am Broadway. Die Straße heißt tatsächlich so und stößt direkt auf das College-Gelände. Oder wie mein Mitbewohner Haircut sagen würde: »Wenn ich um Viertel vor neun aufwache, dann kann ich mich immer nochmal umdrehen, fünf Minuten weiterschlafen und schaffe es trotzdem noch rechtzeitig zur Vorlesung um neun.« (Damit ist auch geklärt, warum ich morgens versuche, dem Bad und allen damit verbunden Territorialkämpfen aus dem Weg zu gehen.)

Haircut stammt aus Derry, der vielnamigsten Stadt in Irlands, wird ein begnadeter Gitarrespieler sein, sobald er einmal mehr als zwei Akkorde meistert, versäumt regelmäßig alle Trainings seines Hurling-Teams (Irischer Nationalsport, mit Toren, Bällen, Schlägern und viel zu viel Tempo, als das ich je die Regeln verstanden hätte.), ist aber trotzdem wieselflink und macht sich beständig Sorgen, sein Deckhaar könnte zu lang sein. Dann steht er vor dem Spiegel in unserem Wohnzimmer, rauf sich die Haare und ruft: »Don't I need a haircut?«

Fairness halber muss ich anerkennen, dass seine Haare tatsächlich länger sind, als die aller anderen. Aber auch nur, weil keine der anderen mehr als drei Zentimeter je stehen lässt. Zum Beispiel sieht Happy Days Haarschnitt so aus, als habe ihm den ein sadistischer Schafscherer verabreicht.

Ist aber nun auch viel windschnittiger so und passend, da Happy Days die Sportskanone im Haus ist und nie ein Training seines Gaelic Football-Teams verpassen würde. (Anderer Irischer Nationalsport, mit Toren, Bällen, ohne Schläger und Regeln, mir gleichermaßen ein Rätsel. Wenn die Emotionen mit den Spielern durchgehen, sieht es aus wie eine Mischung aus Boxen und American Football ohne Schutzkleidung.) Die andere große Leidenschaft in seinem Leben sind Girls. Eine Freizeitgestaltung, an die er mit ebenso viel Disziplin, Strategie und Planung herangeht, wie an seine sportliche Karriere.

Jeden zweiten Satz beendet er mit den Worten: Happy Days. Wenn andere sagen: Alles ist in Ordnung./ Das war schön/ O.K./ Freu mich, wenn du kommst./ Wir haben das organisiert. / Den Koffer kann ich locker tragen. / Die Tickets liegen zum Abholen am Schalter./ Deine Großmutter väterlicherseits hat die Transplantation des Hundemagens überstanden, muss sich aber künftig von ungekochten Fleischabfällen ernähren.

Oder was eben auch immer andere Leute so sagen, er sagt stattdessen: Happy Days!

Happy Days ist auch entsprechend optimistisch, er kennt nur eine echte Sorge: seine Ernährung. (Man ist schließlich Sportler.) Allein der Anblick von Pizza und Schokolade ‚makes me feel dirty'.

Mein einziger deutscher Mitbewohner kennt mehr als nur eine Sorge. Sorgenvoll ist Erasmus-Student, liebt Irland wegen der Lockerheit seiner Bewohner, schafft es selber aber nur sehr bedingt, sich dieser Lebenseinstellung anzupassen. Das Leben drängt einem einfach zu viele schwerwiegende Entscheidungen auf. Wie zum Beispiel die Frage, wie man seine Wäsche waschen soll, wenn der Dosierbecher für das Waschmittel fehlt. Die meiste Zeit bin ich gespalten, ob ich Sorgenvoll in den Arm nehmen oder in den Hintern treten soll. Ich kann mich nicht so recht entscheiden. Zudem lebt er eine ironiefreie Existenz, weswegen meine Kommunikation ausgerechnet mit dem einzigen Landsmann die meisten Missverständnisse produziert.

Frei aller Sorgen ist Stilles Wasser. Er ist eines dieser tiefen Gewässer, auf deren Grund man freundliche Goldfische erwartet, nur um immer wieder mal von Piranha überrascht zu werden. Er beherbergt Senecas wiedergeborene Seele, betrachtet sich im Hof stapelnde Mülltüten als urbanes Experiment und schläft gerne auf fremden Sofas. Er schlief sogar schon auf unserem Sofa, nur um den Aufwand des Insbettgehens zu umgehen. Die erste Woche nach seinem Einzug schlossen wir Wetten ab, ob er je sein eigenes Bett benutzen würde.

Und dann haben wir noch Hola. Der ist uns irgendwie zugelaufen. Spanier, Erasmus-Austauschstudent, künftiger Englischlehrer und des Englischen so mächtig, dass die meiste Kommunikation über Sorgenvoll läuft, der glücklicherweise Spanisch spricht. Er und ich sind bisher selten über ein Hola hinaus gekommen, aber ich habe ihn schon ganze Sätze mit anderen wechseln hören. (Meist auf Spanisch.) Holas Hauptsorge sind seine WG-Genossen, die immer wieder von ihm verlangen, dass er deren Lebensmittel, wenn er sie – ohne zu fragen – vertilgt, hinterher ersetzt. Bei uns ist Hola Gast und frei von solchen Lasten.

Das alles sind Lehramtsstudenten, die sich darauf vorbereiten, die nächste Generation europäischer Akademiker heranzuziehen. Schon möglich, dass ich eine Pessimistin bin. Ich halte trotzdem den Untergang des Abendlandes für besiegelt.