Dies & Das

Alles, was augenblicklich gerade schief läuft.

Es war an einem Freitag, dem 13.


Für mich war es nicht nur das erste Mal, dass ich an einer Ladys Crime Night der Mörderischen Schwestern teilnahm, sondern auch es war auch meine erste Lesung aus meinem ersten Roman ‚Mord am Lord'.
Darum hatte ich mich auch ausufernd vorbereitet.
Mein Out-Fit in Rot-Schwarz, den Farben der Mörderischen Schwestern, hatte ich schon vor Monaten bei einem London-Besuch erstanden. Wie üblich lagen dabei mein innerer Theo mit meiner inneren Josie (Hauptfiguren aus Mord am Lord) im Clinch miteinander. Theo fand all die Dinge, für die Josie sich so begeisterte, völlig unpraktisch. „Das ziehst du doch zuhause nie an!", wetterte er in mir.
Und da hat er Recht, denn daheim führt er die Regie, und alles soll bequem, praktisch und vor allem warm sein (bin nämlich eine rechte Frostbeule). Doch in London, da hat immer Josie die Zügel - und die Kreditkarte! - in der Hand, und so setzte sie sich auch diesmal durch. Ich erstand also den tollen Steam Punkt Schottenrotten (und diverse andere „Kleinigkeiten") und am Ende sogar noch eine wunderbar dazu passende Uhr, die Theo ein besonderer Dorn im Auge war („Keine Qualität. Schau dir den lumpigen Verschluss an. Das Ding verlierst du bestimmt, darauf kann man geradezu warten!")

Die Auswahl der richtigen Textstelle war ein weiterer (und weniger unterhaltsamer) Klumpen in meinem Magen. Jede von uns Autorinnen sollte eine genau definierte Zeit lesen und davor hatten wir etwa 1-2 Minuten um den Zuhörern zu erzählen, was in dem Buch passiert und wo wir gerade einsteigen. Ich habe lange gesucht, bis ich eine Textstelle fand, die dem Konzept und der Länge passend ist, und habe sie dann noch etwas gekürzt und am Schluss wieder gestreckt, damit ich auf die Zeit komme.
Am meisten Sorge bereiteten mir allerdings die einleitenden Worte, weil ich da ja auch noch frei sprechen sollte.

Darum nahm ich einige Stunden Unterricht bei einer Schauspiel-Lehrerin, die mich mit viel Geduld auf meinen (mittel)-großen Moment vorbereitete

Die letzten zwei Wochen vor der Lesung verbrachte ich täglich mindestens eine halbe Stunde mit Stopuhr vor meinem Textauszug und summte und oohhhmmmte vorher und nachher noch ein bisschen zur Stimmbildung. Am Ende musste meine arme Freundin Beate Scriptrix wie üblich als Versuchskaninchen herhalten für die Generalprobe an meinem Küchentisch.

Kurz und gut: Ich war zwar nervös, fühlte mich aber nach besten Wissen und Gewissen vorbereitet.
Am entscheidenden Abend, dem Freitag, den 13.9.2013 kam ich dann überpünktlich an und beobachtete wie erst meine mörderischen Kolleginnen und dann auch die Gäste (70 an der Zahl) fröhlich hereinspazierten. In meinem Magen erwachte ein Batallion Ameisen zum Leben und unternahm einen Erkundungsmarsch in sämtliche Himmelsrichtungen. Zur Beruhigung ging ich im Raum auf und ab und versuchte, menschliches Verhalten zu imitieren. Die Ameisen waren inzwischen fündig geworden, schulterten ihre Fundstücke aus meinem Magen und machten sich damit eifrig auf den Weg nach oben, die Speiseröhre hinauf. Ich verließ den Saal in Richtung Toilette.
Dort sah ich dann auf meine Londoner-Uhr, die mir fröhlich tickend noch eine halbe Stunde Vorbereitungszeit ließ, und kam mir plötzlich recht lächerlich vor. Ich hatte sogar noch den Vorteil, als erste des Abends lesen zu dürfen. In weniger als einer Stunde wäre alles vorbei, echtes Blut würde schon nicht fließen, was also regte ich mich so auf?
Ich ging nach draußen auf die Terrasse, atmete ruhig durch, ooohhhmmmte noch ein bisschen und fühlte mich langsam schon fast wieder wie ein Mensch.
In diesem Moment stürmte eine Mörderische Schwester Anna Schneider zu mir und schrie: „Robin, wo bleibst du denn? Es hat längst angefangen, alle warten auf dich."

So und wer nun glaubt, jetzt käme von mir die Pointe, dass ich dann auf meinem Traum aufwache, der irrt sich leider. Nein, es ist genau so passiert.
Ich rase also wie eine Gestörte zurück in den Saal, in dem längst alle versammelt sind, alle Gesichter drehen sich fragend nach mir um, ich hetze wie irre auf die Bühne und falle atemlos in auf den Stuhl.
Ich habe keine Ahnung, wie ich durch die Lesung kam, meine Erinnerung ist mehr als vage. Das einzige Bild, das sich mir eingebrannt hat, ist der Blick auf das Ziffernblatt der verdammten London-Uhr, laut der ich noch gute 20 Minuten Zeit hatte.
Das Prachtstück, das erst drei Stunden vorher anlegte und korrekte stellte, hat fast eine halbe Stunde Verspätung angesammelt. Ich hätte halt doch auf Theo hören sollen.

Aber wie meinte doch an dem Abend meine liebe Mit-Schwestern Anette Hinrichs: "Ich hab schon meinen Freunden von dir erzählt. Ich hab gesagt, du bist jemand, der ständig so Sachen passieren, die es sonst nur so in Bücher gibt und wo man sich denkt, dass der Autor aber ganz schön übertreibt. Wäre nichts schief gegangen, wären die fast enttäuscht gewesen."
Tja, eine echte Autorin scheut keinen Einsatz, um ihrem Ruf gerecht zu werden.