Alles begann mit Evelyn Hamann -€“ Die Entstehungsgeschichte von Mord am Lord

Mord am Lord speist sich offensichtlich aus meiner Liebe zum englischen Rätselkrimi und besonders natürlich Agatha Christie.

Doch die erste Fassung hatte ihre Quelle viel näher zuhause: Evelyn Hamanns unsterbliche Fernsehansage zu „dem vierzehnteiligen englischen Fernsehfilm Die zwei Cousinen".
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Und das kam so:
Mein Entschluss, einen klassischen Whodunit zu schreiben, köchelte schon eine Weile in mir vor sich hin, bis dann ein Loriot-DVD-Abend den entscheidenden Anstoß gab. Ich wollte in meiner Figurenliste dem Personal aus Die zwei Cousinen folgen.

So stand also zuerst ein Lord als Mordopfer fest und zwei Cousinen als Hauptfiguren. Das weitere Personal setzte sich aus dem zusammen, was man in einem englischen Schloss in den zwanziger Jahren erwarten würde.

Meine ursprüngliche Liste an Figuren und Orten las sich also wie folgt:

Lord Molesnorth-Hunting Reicher, exzentrischer Lord
Neither Kennelsave House Landsitz von Lord Molesnorth-Hunting
Priscilla Molesnorth-Hunting Bildschöne Tochter des Lords
Gwyneth Molesnorth Verarmte etwas weniger schöne Cousine
Dienstboten:  
Fromten Castle Butler
Ethel Thrope Köchin
Myrtle Fritham Dienstmädchen
Emely-Holly Worth Privatsekretärin von Lord Molesnorth-Hunting
Weitere Personen:  
Norm Thurston Junger Nachbar
Such Shabby Landsitz von Norm Thruston
Tom S. Setchham Langjähriger Freund von Lord Molesnorth-Hunting
Justine Faith-Stone Verwitwete Schwester von Tom S. Setchham
Lucian Sawyer-Wait Rechtsanwalt von Lord Molesnorth-Hunting
Mary Dish Brilliante Privatdedektivin
Hesketh und Fortescue Zwei etwas weniger brillante Polizisten




















Ich hatte mir auch unbedingt vorgenommen, mich an die 14 Folgen des Fernsehspiels zu halten und den Roman in 14 Kapiteln zu erzählen. Damals fungierte die Figur der Josie (genannt Mary Dish) noch als Ich-Erzählerin; die Figur Theos als ihres Dr. Watsons gab es noch gar nicht. Das erste Kapitel las sich wie folgt:

1. Folge
„.... wie es im Buche steht." So sagt man doch. Als sei das Leben zwischen zwei Buchdeckeln erstrebenwerter als alles, womit wir uns im Alltag rumschlagen dürfen. Ich habe das geglaubt. Bis ich dann in einem Buch leben musste.
Vielleicht lag es ja auch am Genre. Ich machte meine ersten Erfahrungen mit den Realitäten der fiktionalen Welt in einem Manuskript der berühmten englischen Kriminalschriftstellerin Agatha-Christina Sotheby.
Auf dem Landsitz Neither Kennelsave House war in der Bibliothek (ausgerechnet!) die Leiche von Lord Molesnoth-Hunting gefunden worden. Erschossen.
Erst lief alles wie in einem üblichen Fernsehkrimi. In einem so noblen Herrenhaus gab es ja auch schon 1930 einen Telefonanschluss. Man rief also die Polizei. Die kam und stellte Fragen, der Arzt legte den Zeitpunkt des Todes auf eine Uhrzeit fest, für die niemand ein Alibi besaß, und bald gab es auch eine zweite Leiche. So weit, so gut.
Aber dann begannen die Probleme. Teile des Manuskripts waren verloren gegangen. So steckten ein gutes Dutzend Figuren seit über achtzig Jahren in einem zugigen englischen Schloss fest und verdächtigten sich gegenseitig des Mordes.
Ausgerechnet das wurde nun mein erster Einsatzort innerhalb eines Romans ...

Meine Rohfassung gab ich dann ein paar Erstlesern fürs Feedback.

Sie hatten drei große Kritikpunkte:
  1. Für ein deutsches Publikum sei der Tonfall zu schnoddrig.
  2. Die Hauptfigur bräuchte einen Side-Kick, mit dem sie den Fall besprechen kann. Sonst verstünde der Leser ja nie, was in ihrem Kopf vorgeht. Einen Dr. Watson eben.
  3. Die komplizierten Namen seien am Anfang witzig, trieben einen ab Seite fünfzig nur mehr in den Wahnsinn.

So splittete ich also in weiteren Überarbeitungen die Hauptfigur auf in Theo und Josie. Die Geschichte erzählte sich aus Theos Perspektive, aber nicht mehr in der Ich-Form.

Schweren Herzens wurde Lord Molesnorth-Hunting begraben und wiedergeboren als Lord Westholm.

Robin-2Die Namen zu ändern war ein echtes Opfer. Wie oft bekommt man als Krimi-Autorin schon die Chance, eine Hommage an den Erfinder des Dritten Futurs bei Sonnenaufgang zwischen die Leichen zu schmuggeln?

Umso mehr freue ich mich, das wenigstens hier einmal klar zu stellen.
Darum ein dreifach tönendes: Du-döddel-di-di!